Der „Galerietest“ – Der Unterschied zwischen einem netten Bild und einem guten Bild

Eine der schwierigsten Aufgaben als Fotograf ist die Auswahl guter Bilder. Zumindest, wenn da andere Menschen drauf sind – einem Baum ist’s wohl herzlich egal, ob seine „Schokoladenseite“ (oder doch eher die „Moosseite“?) getroffen wurde. Menschen hingegen sind tricky. Die haben dummerweise ihren eigenen Kopf und eigene Vorstellungen davon, wie sie gerne aussehen würden.

„Seh ich fett aus? Ich seh bestimmt fett aus!“

Diese Vorstellungen decken sich nicht immer mit denen des Fotografen, also mit meinen. Das „Sujet“ (tolles Wort übrigens) will in der Regel ein „schönes“ Bild von sich. Eins, das seinem eigenen Selbstempfinden entspricht und das „vorzeigbar“ ist. Diese Bilder sind allerdings oft – aus Fotografen-/künstlerischer Sicht – strunzlangweilig.

Wie der Engländer sagen würde, sind wir da also „in a bit of a pickle“. In einer Zwickmühle.

Ich will ein Bild, das meine „Vision“ erfüllt. Das interessant ist, ganz egal, ob es auch „sympathisch“ ist oder den/die Abgebildete(n) gut aussehen lässt. Korrektur: Ich will nicht, ich muss so ein Bild haben, sonst kann ich die Kamera direkt an den Nagel hängen. Es ist mein Job, solche Bilder zu machen, mein Motor, der einzige Beweggrund für meine Fotografie.

Der/Die Abgebildete sieht das in der Regel natürlich ganz anders, seine/ihre Ansprüche: Siehe oben.

Oft einigt man sich natürlich irgendwie: Es gibt ein paar sympathische Bilder für Facebook/Instagram/ICQ und ein paar für mich.

Manchmal klappt das aber nicht. Ob und warum es dazu kommen kann, erzähl ich mal in einem anderen Beitrag.

Jetzt geht es darum, meine „Idee“ ein wenig begreiflicher zu machen und mein Verständnis eines „guten Bildes“ irgendwie weniger „angsteinflößend“ zu untermalen.

Der „Galerietest“

Der Galerietest stellt eine simple Frage: Wie lange würde man in einer Galerie vor einem Bild verweilen. Je länger, desto interessanter das Bild. Ist klar, ne?!

Extrarunde für alle, die schonmal vor einer Kamera standen: Wie lange würdet ihr als Fremder vor einem Bild von euch verweilen?

Dazu habe ich zwei Beispielbilder mitgebracht. Sie zeigen den lieben Lars, einen Fotokollegen von umme Ecke, der vor ein paar Tagen bei mir im Studio zum Rumhängen und Quatschen vorbeikam. Lars selber hat keinerlei der angesprochenen Selbstwahrnehmungs-Konflikte und hat mir easypeasy erlaubt, die Bilder hier zu benutzen.

Das erste Bild ist sympathisch, nett, bringt einen vielleicht zum Schmunzeln. Überhaupt nicht schlecht. Aber ist es wirklich interessant?

Für mich ist es das nicht. In einer Galerie würd ich es ansehen, kurz in mich rein kichern, mir denken „Netter Kerl“ und weitergehen. Es ist geschlossen. Motiv erkannt, Motiv begriffen, abgehakt. Bei euch mag das anders sein, erzählt mir davon in den Kommentaren.

Bei folgendem Bild sieht’s schon anders aus.

Dieses Bild ist offen. Man erkennt nicht sofort, was abgebildet oder „gemeint“ ist. Obwohl der Ausdruck recht „langweilig“ daherkommt, lässt er doch viel mehr Spielraum für verschiedene Nuancen. Schafft einen kleinen Kontrast zwischen der rein optisch abgebildeten Person (nett, adrett, gepflegt, sympathisch) und den abgebildeten Gefühlen: Ist er sauer? Nein, dafür ist das Gesicht zu relaxed. Gelangweilt? Der Blick ist zu wach. Unsicher? Körperhaltung zu sicher und präsent.

Versteht mich nicht falsch, das ist sicher nicht das interessanteste Bild der Welt. Aber es schneidet beim Galerietest deutlich besser ab, als das vorherige. Ein, zwei Minuten würde man stehenbleiben und versuchen, das Bild zu ergründen oder zu verstehen. Vielleicht sogar überlegen, mit welchem Gefühl man selbst so einen Ausdruck im Gesicht hätte.

Deswegen und nur deswegen ist es ein gutes Bild. Scheiß auf die Kamera, das Objektiv, das Licht, irgendwelches Posen. Es lässt einen stehenbleiben. Darum muss genau dieses Bild gezeigt werden; und nicht das andere.

Danke dir Lars, dass ich dich hierfür benutzen darf 🙂

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