Warum wir uns Zeit lassen und das alles so teuer ist oder „Wenn ich malen könnte, würde ich nicht fotografieren“

Nu hat mich schon ein paar Mal die Frage erreicht, warum es neuerdings kein Zeitlimit bei Portraitsitzungen mehr gibt. Das sei ja unwirtschaftlich und außergewöhnlich. So viel Aufwand für ein paar Bilder und generell: Vorgespräch, analog… alles merkwürdig.

Nun, das mag jetzt ein bisschen nach esoterischem Geschwurbel klingen, aber ein Bild, in das man Zeit investiert, hat mehr Tiefe. Oder Haptik. Oder Ausstrahlung. Wie man es auch nenne mag, man sieht es einem Bild an, ob es ein Glückstreffer aus einer Reihe von 300 ist oder ob es mit Bedacht, Geduld und Gefühl „entstanden“ ist.

Bei Gemälden spürt man ebenfalls die Zeit, die da verbraten wurde. Ein gemaltes Portrait dauert halt etwas länger als ein Hundersechzigstel einer Sekunde. Da wird Pause gemacht, übermalt, geändert, das Subjekt genau betrachtet, wieder was geändert usw… Und genau deswegen haben Gemälde – im Gegensatz zu Fotografien – auch beim Ottonormalbetrachter eine stärkere Wirkung und damit eine höhere Wertigkeit.

Zugegeben: Wertigkeit kommt in den unterschiedlichsten Formen 😉

Wenn ich malen könnte, würde ich nicht fotografieren

Ich hab einfach keine Lust, meine Zeit auf dieser Erde damit zu verbringen, den Millionen flüchtigen Profilbildern noch weitere hinzuzufügen. Andererseits braucht die Welt natürlich auch nicht jedes Mal den Atem anhalten, wenn ich mal wieder den Auslöser drücke. Aber zumindest für mich, den Menschen vor der Kamera und vielleicht ein paar weitere „Fans“ sollen das Ding schätzen.

Und ganz ehrlich: Wenn ich mehr als Strichmännchen könnte, würde ich Portraits auf Leinwand malen. So richtig Zeit auf die Eigenarten und Besonderheiten des Jeweiligen verwenden und am Ende ein besonderes Bild in den Händen halten. So ein Bild würde mit Sicherheit nicht einfach im Schrank versauern oder mal schnell bei Instagram durchrauschen… da könnte ich gut schlafen.

Aber sei’s drum: Malen ist mir nicht in die Wiege gelegt, also muss das die Kamera übernehmen. Den Rest versuche ich aber so gut es geht beizubehalten. Die Gedanken: Was wollen wir ausdrücken, was soll hinterher mit dem Bild passieren (ja, es macht einen gewaltigen Unterschied ob man ein Bild für einen großformatigen Druck macht oder für ein Magazin oder eine Webseite).

„Mach ma watt mit deinen Händen…“ – Fotografen-Evergreen

Zwang zur Wertschätzung

Und hier kommt auch der Preis ins Spiel. Natürlich kann ich mehr Kunden „fangen“, wenn ich das Ganze für 99€ inkl. Bilder auf USB-Stick (oder ganz schlimm: auf CD) anbieten würde. Aber Kunden, die das in Anspruch nehmen, will ich nicht. Diese schätzen ihre Bilder nämlich (meistens) nicht. Die halten ihre Bilder nie in den Händen und betrachten sie minutenlang. Die werden in ihren Bildern nie ein kleines „Kunstwerk“ sehen, das die Wertigkeit eines Gemäldes inne hat.

Und deswegen kostet eine Sitzung auch 500€ + MwSt.
Deswegen gibt es gedruckte Bilder.
Deswegen lassen wir uns so viel Zeit.

Ich will die Menschen, die bereit sind sich vor meine Linse zu setzen, quasi dazu zwingen unser gemeinsames Unterfangen wertzuschätzen. Und es klappt: Wer sich mehrere Stunden mit mir um die Ohren geschlagen hat, wer so viel Geld bezahlt, wer seine Bilder physisch in den Händen hält, der schiebt das nicht mal schnell nach Facebook und vergisst es dann.

Fast wie bei einem Gemälde. Fast.

Disclaimer/Update/Kritik-Prophylaxe

Natürlich gibt es auch zahlreiche (eher unzählige) Bilder, die binnen Bruchteilen einer Sekunde entstanden und trotzdem große Kunst sind. Insbesondere Street- und Reportagefotografie lebt genau davon. Allerdings sind das ganz andere Paar Schuhe als die Portraitfotografie, wie ich sie verstehe.

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