geld_blog

Shooting-Preise: Warum ist das eigentlich alles so teuer?

Als Dienstleister kommt man nicht drumherum mit Leuten über den Preis der eigenen Leistung zu diskutieren. Wobei „diskutieren“ eigentlich das falsche Wort ist… rechtfertigen trifft es wohl eher. Ich hab da zwar viel Glück mit meinen (potenziellen) Kunden, aber ab und an muss ich schon erklären, warum 60 Minuten Shooting und 3 retuschierte Bilder nicht nur 39€ kosten.

Und da ich großer Fan des „einen Abwaschs“ bin, schreib ich das jetzt hier ein für alle mal und für jeden zugänglich auf. Viel Spaß damit!

1. Wie viel bleibt wirklich beim Fotografen hängen?

Angenommen wir haben ein Shooting von 60 Minuten und der Kunde bekommt 3 fertig retuschierte Bilder, alles zu einem Preis von 199€ inklusive Mehrwertsteuer. Klingt erstmal nach viel Geld für wenig Arbeit, der Schein trügt aber gehörig.

Von diesen 199€ gehen nämlich erst einmal 19% Mehrwertsteuer ab, die ans Finanzamt gezahlt werden müssen. Bleiben also noch knapp 160€. Davon legt man als Selbstständiger nochmal locker 25% für die Einkommenssteuer weg. Unterm Strich stehen also statt 199€ nur noch 120€ Umsatz für den Fotografen/die Fotografin.

Jetzt könnte man sagen „120€ für ein Shooting und drei Bilder sind doch immer noch ziemlich viel…“ und hätte absolut gesehen sogar recht – 120€ ist eine gute Stange Geld. Ob es aber genug ist steht auf einem anderen Blatt.

2. Wie viel muss man eigentlich verdienen?

Um als Selbstständiger überhaupt überleben zu können, muss man vernünftig kalkulieren. Das ist eigentlich ganz einfach: Alle monatlichen Kosten zusammenzählen und durch die Anzahl der möglichen/gewünschten monatlichen Arbeitsstunden teilen. So erhält man seinen Minimal-Stundensatz.

Hier ist allerdings schon die erste Hürde: Kunden wissen oft gar nicht, welche Kosten man als Nicht-Angestellter monatlich so hat. Deswegen hier mal eine exemplarische Auflistung, was bei mir in der entsprechenden Excel-Tabelle so rumfliegt:

  • Miete (Studio & Privatwohnung), Strom, Nebenkosten
  • Versicherungen (Kranken, Pflege, Haftpflicht, Berufshaftpflicht, Inhaltsversicherung für’s Studio, Auto)
  • Altersvorsorge
  • Marketing & Werbung
  • Fort- und Weiterbildung
  • Rücklagen für schlechte Zeiten
  • Reparatur/Ersatz/Verschleiß von so ziemlich allem (Kamera, Hintergründe, Akkus, Kaffeemaschine, Blitze, Druckerpapier etc.)

Und dann hat man noch keine Lebensmittel oder Klamotten eingekauft, Requisiten besorgt oder ist mal in den Urlaub gefahren. Insgesamt kommt man so ratzifatzi auf geschmeidige 3000€/Monat, ohne dass man irgendwie im Luxus leben würde.

Diese 3000€ müssen allerdings übrig bleiben, nachdem das Finanzamt seinen Teil erhalten hat – nämlich Mehrwertsteuer und Einkommenssteuer.

Letztere liegt in der Größenordnung bei ca. 25%, es müssen also 4000€ verdient werden, damit 3000€ bleiben.
Dann kommt noch unser Freund die Mehrwertsteuer mit 19% um die Ecke, was das Ganze auf ca. 4760€ ansteigen lässt. BAM BAM BAAAAAAAM.

Man muss also 4760€ inkl. MwSt. einnehmen, damit die nötigen 3000€ übrig bleiben. Bitte einmal wirken lassen.

3. Wie viel kann man arbeiten?

Jetzt ließen sich die knapp 5000€ mit einer 40-Stunden-Woche natürlich recht einfach verdienen und der Stundensatz wäre auch sehr kundenfreundlich. Heißt das also, dass der Fotograf einfach faul ist und nicht so viel arbeiten will? Leider ist dem nicht so.

Ich persönlich wäre sehr froh, wenn ich meine verfügbar Arbeitszeit zu 100% mit bezahlten Stunden füllen könnte. Doch leider muss man als Selbstständiger sehr viel Krempel erledigen, der nicht bezahlt wird (oft zahlt man sogar noch drauf):

  • Buchhaltung und Papierkram
  • Werbung und Akquise
  • Recherche, Fortbildung, freie Arbeiten (aka „Üben“)
  • Arbeitsplatz aufräumen und Putzen
  • 1000 kleine, spontane Dinge

Das hört sich jetzt vielleicht kleinkariert an, aber stehter Tropfen höhlt den Stein und ruckzuck bleiben nur noch 20 Stunden in der Woche für „richtige“ Arbeit. Und wer jetzt im Kopf mitgerechnet hat ahnt schon, wo die Reise hingeht.

Unsere monatlichen 5000€ müssen wir also mit grob 80 Arbeitsstunden reingeholt werden: 5000€/80h = 62,50€

Diese knapp 62€ sind die absolute Untergrenze, um die angesetzten Fixkosten zu decken.

4. Die Wertigkeit eines Bildes

Mit 62€ pro Stunde hätten wir also unser monatliches Auskommen und hätten alle Kosten gedeckt. Das geht allerdings nur, wenn wir auch die gesamte nötige Zeit für ein Shooting betrachten. Es steckt nämlich noch wesentlich mehr hinter dem Wert eines Bildes als die reine Knips- und Photoshoparbeit:

  • Kommunikation vor und nach dem Shooting
  • Planung und Entwicklung von Ideen
  • Reine Zeit für Shooting und Bearbeitung
  • Verwendungszweck und -dauer des Bildes (besonders bei gewerblicher Nutzung)
  • Angebot und Nachfrage

Jeder, der schonmal einen Abend in einer Kneipe verbrachte (Bier 1,20€, Schnaps 1€) weiß, wie schnell sich Kleinstbeträge aufsummieren: Bei jedem Kunden hat der Fotograf mindestens 30 Minuten Arbeit, die nix mit der „harten“ Zeit des Shootings oder der Bildbearbeitung zu tun haben und seltenst vom Kunden als „Arbeit“ wahrgenommen werden.

5. Qualität

Apropos Wertigkeit eines Bildes. Bild machen und „Bild machen“ sind natürlich nicht das selbe, genausowenig wie Retusche und „Retusche“ – bei beidem kann man sich ewig aufhalten oder schnell durchhasten. Als preisbewusster Kunde könnte man also einfach sagen „Mach’s nicht so aufwendig, dann geht’s auch günstiger!“.

Das muss natürlich jeder Fotograf für sich selbst entscheiden, ich persönlich halte da aber gar nix von: Ich kann etwas nicht „halbgut“ abgeben. Wenn ich weiß, dass ich mit etwas mehr Aufwand deutlich bessere Ergebnisse erziele, dann biete ich nichts darunter an.

Und auch wenn ich recht schnell und zielstrebig shoote und bearbeite, so braucht ein Set nunmal mindestens 30 Minuten Shootingzeit und die Bearbeitung eines Portraits ebenso. Alles andere wäre Verarschung am Kunden, Geldmacherei und absoluter Fließbandbetrieb. Manche mögen das, ich will es absolut nicht – Qualität sieht für mich einfach anders aus.

6. Beispiel

Schauen wir mal, wie das nun in der Realität aussieht:
Kundin X möchte nun also ein Shooting mit zwei Outfits/Sets. Als reine Shootingzeit sind 90 Minuten angepeilt. Haare und MakeUp macht die Kundin selber. Los geht’s:

  • Vorgespräche per Telefon und Email: 20 Minuten
  • Ideenausarbeitung, Planung und Vorbereitung des Shootings: 20 Minuten
  • Reine Shootingzeit: 90 Minuten
  • Kundin wünscht 3 bearbeitete Bilder: mindestens 90 Minuten
  • Versand/Bereitstellung der Bilder: 10 Minuten

Das macht zusammen: 235 Minuten oder 3,8 Stunden x 62€ = 235,60€

Und jetzt kommen wir zu dem Grund, warum ich den ganzen Sermon hier überhaupt aufschreibe: Die Kundin nimmt nicht wahr, dass es fast 4 Stunden Arbeit sind. In 99% aller Fälle bleiben ihr nur „90 Minuten im Studio“ und „3 Bilder“ in Erinnerung, alles andere sind abstrakte Zahlen, an die sie von sich aus einfach nicht denken würde.

Fazit

Fotos machen lassen kostet Geld. Mitunter sehr viel Geld. Die Preise zieht man sich als Fotograf aber nicht aus dem Hut und in einem Shooting steckt deutlich mehr Arbeit, als nur Auslöser drücken und Photoshop starten.

Ich hoffe wirklich, dass diese kleine Aufstellung zur Transparenz und mehr Verständnis beiträgt :)

Ihr seid dran:

Fotografen, was sind eure Erfahrungen? Habt ihr Probleme damit, eure Preise zu rechtfertigen?
Und liebe Kunden, was denkt ihr? Wonach beurteilt ihr, was zu teuer oder OK ist? Hilft Transparenz euch da weiter oder ist’s euch eigentlich total egal?

Titelbild: Tax CreditsCC-BY

Teilen erlaubt!

Dieser Eintrag ist unter Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Das heißt, du darfst ihn gerne kopieren und nicht kommerziell frei verwenden.

Du musst mich aber als Urheber angeben und auf den Original-Artikel verlinken

Creative Commons LizenzvertragShooting-Preise: Warum ist das eigentlich alles so teuer? von Karsten Wusthoff ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht kommerziell 4.0 International Lizenz.